Auf in den Dschihad…

Lehrerfortbildung an der SDS zum Erkennen von islamistischer Radikalisierung

… für einen Gottesstaat im Sinne des Propheten und gegen alle Ungläubigen: So oder so ähnlich lau­tet das Credo einer Gruppe von Leuten, die sich auf den Weg zum „wahren“ Islam wähnen und zum Teil ihre salafistische Ideologie, verbrämt als überlegene Religion, mit Gewalt und Terror gegen ihre Verwandten, Freunde, Nachbarn, Mitbürger und gegen jede demokratische und säkulare Staatsauto­rität umzusetzen bereit sind.

„Auf in den Dschihad“ – das ist kein ad hoc Sinneswandel oder plötzliche Eingebung. Es handelt sich um einen Veränderungsprozess vom sozialisierten Mitglied einer Gesellschaft hin zum radikalisierten Außenseiter.

Das frühe Erkennen und Beurteilen dieses Veränderungsprozesses ist eine Präventionsstrategie, die insbesondere am Ort „Schule“ von den Lehrkräften geübt und beherrscht werden sollte.

Susanne Vögtler und Johannes Fey, die gemeinsam an der Schulze-Delitzsch-Schule für die Aktivitä­ten „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ verantwortlich sind, haben deshalb in Koopera­tion mit der Jugendinitiative Spiegelbild eine Lehrerfortbildung am 26.10.2017 organisiert, die Radikalisierungsgründe und ihre Merkmale evaluiert und Handlungsoptionen für die Lehrkräfte aufzeigen sollte. Insgesamt nahmen vierzehn Kollegen und Kolleginnen an der Fortbildung teil.

In seiner Begrüßung wies Schulleiter Rainer Strack darauf hin, dass der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund an der SDS bei rund 48 Prozent liegt. Er skizzierte anschließend seine Vorstellungen von einer funktionierenden Schulgemeinde, die insbesondere auf den Faktoren gegenseitiger Akzeptanz und Wertschätzung beruht und damit eine angstfreie Teilnahme am Schulleben befördert, kurz: Jedem das Gefühl gibt, willkommen zu sein.

Der Impulsvortrag von Imam Husamuddin Meyer, Ethnologe und studierter Islamwissenschaftler, gab einen Überblick über den Glauben im Islam und seine unterschiedlichen Ausprägungen bis hin zu der fundamentalistisch dogmatischen Form des sunnitischen Islam, den Wahabismus. Zugleich wies er auf das Dilemma hin, dass muslimische Imame grundsätzlich keinerlei theologische Ausbildung durchlaufen. Dadurch besteht die große Gefahr, dass Jugendliche an radikale Prediger geraten, die die Auslegung des Korans ihrem willkürlichen auf Gewalt ausgerichteten Weltbild unterordnen und die Mitglieder ihrer Moscheegemeinde mit dschihadistischen Ideologien manipulieren.

In Workshops trugen danach die Teilnehmer ihre Beobachtungen zusammen, wie der Islam ihnen in der Schule begegnet, sie ihn mit seinen Äußerlichkeiten erleben und Veränderungen bei Muslimen wahrnehmen, besonders: (1) Man ernährt sich nur halal, isst dann aber trotzdem ein Schnitzel, (2) nach den Schulferien trägt jemand einen langen Vollbart bei rasierter Oberlippe (Salafistenbart), (3) plötzlich kommt eine Schülerin verschleiert zum Unterricht, (4) eine nicht heterosexuelle Ausrichtung wird geleugnet oder verschwiegen, (5) Männer legen einen autoritären Umgang mit Frauen an den Tag, (6) buchstäbliche Auslegung des Korans, wenn er Männer bevorzugt, (7) Ramadan und Opferfest.

Diese Beobachtungen wurden dann folgenden Kategorien zugeordnet: (a) religiöse Zugehörigkeit, (b) Frömmigkeit/Spiritualität, (c) jugendliche Identitätsfindung und (d) Radikalisierungselement. Und siehe da, es gab natürlich Mehrfachzuordnungen von „Beobachtungen“ zu „Kategorien“. Auch umge­kehrt konnte die Kategorie „Radikalisierung“ nicht mit exklusiven „Beobachtungen“ beschrieben werden.

Die Erkenntnis war, dass sich „Radikalisierung“ nicht mit einer eindeutigen Checkliste von Beobach­tungen (Merkmalen) identifizieren lässt. Klare und eindeutig sichtbare Zeichen dafür gibt es nicht. Radikale Tendenzen können aber durchaus bemerkt werden – und zwar nicht nur durch Äußerlichkeiten wie lange Bärte oder Kleidungsstücke. Dazu gehört auch die Haltung der Personen gegenüber bestimmten Menschengruppen, Geschlechtern, die Einstellung zu staatlicher Autorität, das präferierte sozial-religiöse Umfeld, die Attitüde zur Missionierung, Kritikfähigkeit und die Einstellung zur Gewalt. Es zählt das Gesamtbild; einzelne äußere Anzeichen lassen gar nichts erkennen.

Wann also ist die Ausprägung des Islam religiös, wann radikal? Ist für diese Beurteilung eine intime tiefgehende Kenntnis dieser Religion erforderlich?

Meines Erachtens nein.

Ich glaube, wenn wir uns als Pädagogen auf unsere Erfahrung und Kompetenzen verlassen, dann erkennen wir auch, wann und wie wir reagieren müssen. Eine religiös geprägte Diskussion brauchen wir vordergründig nicht zu fürchten, aber auch nicht zu führen. Entscheidend ist, die Sozialisationsde­fizite der Probanden zu erkennen und die Anziehungskraft des verheißungsvollen (radikalen) Salafismus zu verstehen:

  • Fehlende Wertschätzung wird von Salafisten durch intensive Aufmerksamkeit und Betreuung kompensiert.
  • Fehlende Akzeptanz und Integration des Individuums wird durch ein fest geprägtes „religiöses“ Gemeinschaftsgefühl ersetzt.
  • Individueller Misserfolg wird in das Elitedenken einer „überlegenen“ Religion gegenüber der Masse von „Ungläubigen“ transformiert.
  • Selbstbestimmte und durchdachte Entscheidungen werden nicht toleriert, sondern gegen rigorose Regeln aus Koran und Sunna ausgetauscht und vereinfachen damit das eigene Dasein.

Wir als Lehrkräfte müssen die Causa erkennen, aufmerksam aber nicht alarmistisch, und daraus un­sere Handlungsoptionen und Eskalationen ableiten.

Nur so gelingt es uns als Schule, aus dem potenziellen „Auf in den Dschihad“ ein „Raus aus dem Dschihad“ zu machen.

Den Organisatoren, Susanne Vögtler und Johannes Fey, ist ganz herzlich für diese wichtige und praxisnahe Veranstaltung zu danken.

(Petra Hilbert)

 

Auch der Wiesbadener Kurier berichtete über die Lehrerfortbildung…

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