Cineastische Identitätsbildung?

SDS und Murnau-Filmtheater setzen neues Projekt im Rahmen „Lernort Kino“ auf

Identitätsbildung.Was bestimmt die Persönlichkeit eines Menschen? Welche Eigenschaften und Fä­higkeiten machen die unverwechselbare Identität eines Individuums aus? Laut E. Erikson’s Stufen­modell der psychosozialen Entwicklung formt jeder Mensch in der Jugendphase ein Selbstbild seiner Identität und fragt sich, wer er ist und sein möchte, wie er wahrgenommen werden will und wem er nacheifert – kurz: Es wird die soziale Rolle und weltanschauliche Meinung geprägt. In offenen Gesell­schaften wird hierfür, so W. Stangl, Zeit zum Ausprobieren einer selbstgemachten Identität gegeben, während in diktatorischen und hierarchisch geprägten Gesellschaften die Rollen zumeist festgelegt sind (Stangl, W. (2019) Identitätsfindung im Jugendalter). Identität ist auch nicht zwingend starr, sondern kann im Kontext veränderbarer sozialer und professionaler Parameter pendeln, sich flexibel adaptieren. H. Keupp, Sozialpsychologe, spricht in diesem Zusammenhang von Patchwork-Identität. Auch entwickeln Jugendliche mit verschiedenen biografischen Wurzeln sehr komplexe Identitäten in einer Synthese aus beiden Welten, genauso wie andere sich für nur eine Welt entscheiden.

Eine gelungene Identitätsfindung äußert sich laut Erikson in einer klaren argumentativ belegbaren Meinung, konkreten Berufs- und Privatplänen, in Selbständigkeit von Denken und Handeln und der Abnabelung vom Elternhaus. Misslungen wäre nach Erikson die Identitätsbildung, wenn jemand keine Lebens- und Berufsperspektive aufbaut und etwa im Drogenmilieu versinkt, wenn jemand ohne eigene Meinung unkritisch sich Vorbildern zuwendet und diese heroisiert und wenn jemand sein eigenes Wertegerüst als Ausdruck einer gefestigten Sozialisation nicht formt.

Das Filmprojekt.Genau um diesen Schwerpunkt, die Identitätsfindung Jugendlicher, dreht sich eine achtteilige Kinoreihe. 

In dem von Birgit Goehlnich, Vertreterin der Obersten Landesjugendbehörden der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) und Rita Thies, Kulturdezernentin a.D., entwickelten Filmprojekt geht es darum, Prozesse der Identitätskonstruktion und Identitätsbildung von Jugendlichen bewusst zu machen und zu unterstützen. Schwerpunktmäßig werden Themen behandelt, die sich mit Aspek­ten der Nutzung und den Gefahren von digitalen Medien (Cybermobbing), mit Erfahrungen aus dem Bereich Rassismus, der uns im Alltag begegnet, und mit der Rolle von Mann und Frau auseinander­setzen.

Im Rahmen des Politikunterrichts sahen am 6. Mai rund 40 Schülerinnen und Schüler (SuS) der HH-, BFB- und BFF-Klassen mit bemerkenswerter Konzentration den 133 minütigen Film The Hate U Give, der mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 ausgezeichnet wurde.

Der Film.Die sechzehnjährige Teenagerin Starr Carter fühlt sich zwischen zwei Welten gefangen: Sie lebt in einem Wohnviertel mit hauptsächlich afroamerikanischen Familien, in dem durch den Drogen­handel die Kriminalitätsrate hoch ist. Um ihre Kinder davor zu beschützen, schicken die Eltern Starr und ihre Geschwister auf eine weiße Privatschule. Hier bilden sie eine Minderheit. Um in beiden Wel­ten zu bestehen, passt sich Starr mit ihrem Verhalten den Gepflogenheiten jeweils an. Aber ihre in­nere Zerrissenheit nimmt zu, bis es eines Tages zu einem dramatischen Ereignis kommt: Ihr Jugend­freund Khalil wird vor ihren Augen von einem weißen Polizisten ohne Grund bei einer Fahrzeugkon­trolle erschossen – und Starr ist die wichtigste Zeugin. Doch sie zögert anfänglich mit der Aussage, weil sie sich vor dem Anführer der Drogengang ängstigt, für den Khalil Rauschgift verkauft hatte. Schließlich formiert sich eine Protestbewegung, die Khalils Tod nutzen will, um auf das Thema rassistische Polizeigewalt aufmerksam zu machen.Die Kinoveranstaltung.Die Filmaufführung begann am 6. Mai 2019 um 14.00 Uhr mit der Begrüßung von Birgit Goehlnich und Sebastian Schnurr, der für die laufende Programmgestaltung der Murnau-Stiftung zuständig ist. Nach einem anschließenden kleinen Imbiss wurde der Film gezeigt, gefolgt von einer Gesprächsrunde, um die Inhalte und Aussagen des Films zu besprechen und zu reflektieren. „Der Film soll nicht als Konsum gesehen werden. Sondern die SuS sollen feststellen, was macht der Film mit mir?“, ordnete Schnurr das Konzept des Projekts ein.

Der gesellschaftskritische Charakter des Films betraf mit den Themen Drogen, Gewalt, Kriminalität und Rassismus Problemfelder, die auch bei uns virulent sind. Er zeigte insbesondere das Spannungs­feld zweier Identitätswelten, zwischen denen Starr ständig navigiert: Hier das Gewalt- und Drogen­milieu ihres Wohnumfelds und eines Vaters, der dem Widerstand der Black Panther-Bewegung gegen die Diskriminierung von Schwarzen nahe steht, dort das wohlbehütete, regelbasierte Wohlstandsmi­lieu einer weißen Eliteschule. Beide Welten sind, da von Vorurteilen geprägt, im Grunde nicht kom­patibel, kaum vereinbar. Versöhnlich hingegen sind die Sequenzen, die von der Liebe zu Chris, ihrem Freund, handeln, der keineswegs rassistisches Denken an den Tag legt und der damit einen Teil ihrer Identität prägt.

Obwohl Starr vom Drogenboss bedroht wird, nicht vor einer Grand Jury über den Tod von Khalil auszusagen und obwohl der Prozess gegen den Polizisten niedergeschlagen wird, äußert sich Starr öffentlich zu dem Vorfall und outed sich letztendlich auf einer Demonstration gegen rassistische Gewalt als Zeugin des Mordes an ihrem Jugendfreund. Starr positioniert sich im Sinne der Identitätsbildung bewusst mit einer eigenen Meinung zu Gerechtigkeit und gegen Vorurteile. Schweigen gegen Ungerechtigkeit und Rassismus ist daher für Sie keine Option mehr.

Stimmen zu der Veranstaltung. Birgit Goehlnich skizzierte den übergeordneten Kontext des Projekts:„Im Sinne der Nachhaltigkeit ist es der dritte Durchlauf. Mit dem heutigen Film soll die emotionale Komponente berührt werden. Und in der anschließenden Diskussion sollen die SuS lernen, sich in der Gruppe zu äußern.“ Johannes Fey, Lehrer an der SDS, betonte, dass dieser Film mit seinen Inhalten „ein wichtiger Baustein(ist), der den Gedanken und das Handeln von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage befördert.“ Simone Breitsch, Abteilungsleiterin an der SDS und zuständig für Interkulturelles Lernen, fand: „Es ist eine sehr schöne Sache, dass das Kulturamt uns die Möglichkeit gibt, solche Filme für die Persönlichkeitsbildung zu sehen und zu reflektieren.“

Mit dem Film The Hate U Give konnten die SuS sich besonders mit dem Thema „Rassismus“, das uns sogar auf einigen Wahlplakaten begegnet und daher „seriös“ anmutet, auseinandersetzen, ihre Sen­sibilität dafür stärken und als Baustein für das eigene Identitäts-Ich nutzen.

Cineastische Identitätsbildung? Gelungen!

Filmbesprechungen überhaupt sind eine großartige Idee. Der beeindruckende Erfolg gibt den Initia­toren recht. Dafür gilt allen Beteiligten ein großes Dankeschön. Ein besonders herzlicher Dank geht an Birgit Goehlnich, die mit Ihren brillanten Ideen und mit herausragender Gastfreundschaft Veranstaltungen, wie auch diese, zu einem prägenden Erlebnis werden lässt.

(Petra Hilbert)

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