Eine Rundreise durch deutsche Nazi-Hochburgen im 21. Jahrhundert

400 Schülerinnen und Schüler sehen „Blut muss fließen“ – eine Dokumentation der Nazi-Rock-Szene

Es ist eine beängstigende, zutiefst verstörende Szene, die sich irgendwo in einer versteckten Scheune in Mücka, in Sachsen, 2006 abspielt: Dicht gedrängt stampfen und torkeln meist fettleibige Halbglat­zen, viele mit freiem Oberkörper, übersät mit Nazi-Tattoos, die Bierflasche in der Hand im hochag­gressiven Pogo-Stil über den Saalboden. Sie bewegen sich zur Livemusik einer Band, die im häm­mernden Rock-Rhythmus grausame und menschenverachtende Texte mehr brüllt denn singt und deren Refrain in stumpfer Begeisterung von den Nazis grölend wiederholt wird. Gerne auch mit ge­meinsamen Hitlergruß und gereckten Fäusten, während auch schon mal eine Nazibraut sturzbesoffen zu Boden sinkt. Eine Ekel-Kostprobe: „Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig. Lasst die Messer flutschen in den Judenleib. „Blut muss fließen:

„Blut muss fließen“ ist auch der Titel des Films, der von Thomas Kuban durch verdeckte Konzertmit­schnitte in der Nazi- und Rechtsrockszene gedreht und unter Regie von Peter Ohlendorf 2012 veröf­fentlicht wurde.

Die Vorführung am 7.12.2017 im Caligari-Filmtheater geht auf eine Initiative von Susanne Vögtler, Koordinatorin für „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ an der Schulze-Delitzsch-Schule, zurück. Rund 400 Schülerinnen und Schüler der Schulze-Delitzsch-Schule, Gutenberg- und Riehlschule konnten während etwa 70 Minuten erleben, wie Anfahrt und Zugang zu solchen „Konzerten“ sehr konspirativ organisiert werden, um sie möglichst lange geheim zu halten. Sie konnten sehen, welche abscheulichen Szenen sich dort abspielen – martialisch gekleidete Ordner der „Division 28“ sichern die Veranstaltung; viele Anwesende faseln von Judenvernichtung, zum Beispiel von einem U-Bahnbau von Jerusalem nach Auschwitz und hoffen auf die Hitler-Wiederauferstehung.

Die Teilnehmer und Bands sind nicht nur die sogenannten Abgehängten, die sich subjektiv verdammt sehen, dem Exodus ihrer zumeist im Osten gelegenen Heimatdörfer zuschauen zu müssen, die meinen, keine Perspektive zu haben. Nein, unter ihnen befinden sich sehr wohl gut gebildete und situierte Personen, damals namentlich aus dem Umfeld der NPD, die heute – siehe Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz – zur Wahl der AfD aufruft. Sie agieren im Hintergrund mit dem Kalkül, dass noch mehr Gewalt, noch mehr Radikalität und noch mehr Aggressivität den Boden für noch mehr Populismus bereitet und ihn so hoffähig macht. Der Bandleader einer bekannten Rechtsrock-Gruppe ist übrigens Rechtsanwalt in Stuttgart. Merke: die Nazis sind überall – auch im Westen.

Rechtsrock-Konzerte sind mittlerweile die typische Einstiegsdroge für Leute, die sich mangels alternativer Angebote in der rechtsradikalen Umgebung wohl zu fühlen meinen, die dort Orientierung zu finden glauben und daraus ein gesteigertes Selbstwertgefühl ableiten, das schließlich einhergeht mit der Verachtung und Diskriminierung anderer Gruppen und Rassen. Je tiefer man in die Szene eintaucht, desto mehr vereinnahmt und bietet sie: Zugehörigkeitsgefühl durch Kleidung, Frisur, Nazi-Devotionalien. Dann folgen Kameradschaftstreffen mit Treueschüren, Gewaltverherrlichung, Anleitungen zum Waffengebrauch und viele schlimme Sachen mehr bis hin zu konkreten Gewalttaten.

Kuban zeigt deutlich einen weiteren Missstand auf: Während die Zahl der Rechtsrockkonzerte damals – wie auch heute – stieg, wurden von rund 90 Konzerten gerade mal zwei im Vorfeld nicht geneh­migt. Kein einziges wurde aufgelöst. Ausdrücklich verteidigte Günther Beckstein, bis 2007 Bayerischer Innenminister, auf einer Pressekonferenz die Passivität von Polizei und Staatsanwaltschaft, die trotz offensichtlicher Straftaten, wie Hitlergruß, Volksverhetzung oder Aufruf zur Gewalt nie einschritt. Geschuldet sei das, laut Beckstein, dem schmalen Grat zwischen Kunstfreiheit und Straftaten. Ein ehrlicher Wille, diesen rechtsradikalen Auswüchsen entgegenzutreten, war keinesfalls erkennbar.

In der Diskussion mit den Schülerinnen und Schülern griff Peter Ohlendorf diesen Umstand auf und kritisierte, dass in der Nazi-Szene nicht verdeckt ermittelt würde, ohne hierfür einen Grund zu ken­nen. Auf eine entsprechende Frage führte er aus, dass Rechtsradikale sehr strategisch und subversiv agierten; zum Beispiel würden junge Frauen aus der Szene gezielt zu Kindergärtnerinnen ausgebildet, um dann subtil bei den Jüngsten zu agitieren.

Die Veranstaltung schloss mit der kurzen Schilderung, unter welcher persönlichen Lebensgefahr Thomas Kuban Jahre lang recherchiert und dokumentiert hatte und welche persönlichen Einschrän­kungen er dafür hinzunehmen bereit war. „Demokratie lebt davon, dass sie verteidigt wird“, so Oh­lendorf. Das gilt uneingeschränkt für Thomas Kuban und sollte im besten Sinne des Gedankens einer SOR-SMC-Schule für jeden Einzelnen von uns großer Ansporn sein, Resistenz gegen Nazis zu bewah­ren und sich ihnen standhaft entgegen zu stellen.

Die pädagogische Absicht war, bei den Schülerinnen und Schülern Sensibilität für die offen und subtil drohenden Gefahren des Rechtsextremismus zu wecken, die unsere freiheitlichen Grundwerte eklatant beeinträchtigen. Die heutige Veranstaltung hat sicherlich dazu beigetragen, das permanent bestehende rechte Bedrohungspotenzial zu erkennen und einzuschätzen, um es in nachfolgenden Unterrichtsstunden aufzuarbeiten.

Die Veranstaltung wurde finanziert von „Demokratie leben Wiesbaden“, organisatorisch unterstützt vom Caligari-Filmtheater und war eine Kooperationsveranstaltung mit dem Medienzentrum Wiesbaden.

Ein herzliches Dankeschön für diese eindrucksvolle und zugleich bedrückende Vorführung geht daher an die Initiatorin Susanne Vögtler, Peter Ohlendorf, an alle Protagonisten und die Schülerinnen und Schüler, die mit vielen Beiträgen und Fragen das Gesamtbild abrunden konnten.

(Petra Hilbert)

Auch der Wiesbadener Kurier berichtete darüber …

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