SDS lädt Lokalpolitiker und Wiesbadener Berufsschulleiter ein

Rege Diskussionsrunde über schulpolitische Alltags- und Zukunftsthemen

Auf Einladung von Rainer Strack fand im Kreis aller Schulleiter und Schulleiterin der Wiesbadener Berufsschulen ein Gespräch mit Dr. Patricia Eck, SPD-Kandidatin für den Hessischen Landtag und Hendrik Schmehl, schulpolitischer Sprecher der SPD über Themen des digitalen Wandels in der Ausbildung sowie der Verwaltung und Finanzierung von Berufsschulen statt.

Eck, 34, ist Fachreferentin für Soziales in der Wiesbadener Stadtverwaltung. Nach ihrem Lehramtsstudium war sie zunächst an der IGS Hermann-Ehlers-Schule tätig und Lehrbeauftragte an der Universität Mainz.

Schmehl, 33, ist seit 2013 Stadtverordneter und schulpolitischer Sprecher der SPD-Stadtverordnetenfraktion. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Öffentliches Recht an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Im Anschluss an das Gespräch fand ein Interview mit den beiden Politikern statt.

SDS: Frau Dr. Eck, Herr Schmehl, sie haben heute mit einer Schulleiterin und vier Schulleitern der Wiesbadener Berufsschulen zusammen gesessen und über deren Sorgen und Nöte diskutiert. Was hat Sie am meisten überrascht?

Eck: Überraschendes gab es weniger. Mir geht es mehr darum, zunächst die Sorgen und Nöte der Schulleitungen zu verstehen und die Themen, die ihnen wichtig sind. Dazu gehört natürlich die Digitalisierung, aber auch die Frage, geeignete Lehrkräfte mit pädagogischer und didaktischer Kompetenz zu finden, um die Bandbreite des Unterrichtsangebots für 10 Tausend Wiesbadener Berufsschüler und Berufsschülerinnen abzudecken. Die damit einherge­henden Herausforderungen haben das Thema insgesamt präsenter gemacht.

Schmehl: Negativ überrascht hat mich, dass die Finanzbedarfe für die Ausbildung über alle Sparten nach Köpfen berechnet werden, obwohl die finanziellen Anforderungen pro Schüler je nach Ausbildungsberuf sehr unterschiedlich sein können. Das funktioniert sicherlich an klassischen allgemeinbildenden Schulen. Bei den berufsbildenden Schulen hätte ich eigentlich erwartet, dass die unterschiedlichen Bedarfe – wie auch an der Universität – ihren Niederschlag finden.

1.      Ausstattung berufliche Schulen – Digitalisierung

SDS: Frau Dr. Eck, auf Ihrer Nominierungsrede als Kandidatin der SPD für den 20. Hessi­schen Landtag haben Sie am 16.12.2017 ausgeführt, dass „immer mehr Schülerinnen und Schüler nach dem Abi direkt auf die Uni (wechseln)- weil eine Berufsausbildung, z.B. im Handwerk oder in der Industrie, an Wert zu verlieren scheint und bei weitem nicht mehr die gleiche Attraktivität hat wie noch vor 10/15 Jahren.“ Können Sie den Wiesbadener Berufsschulen Mut machen und Hinweise geben, wo Sie die De­fizite sehen und wie die Berufsschulen in Wiesbaden ihre Attraktivität verbessern könnten?

Eck: Der Trend heute ist, dass rund 50% der Schüler das Gymnasium besuchen und danach eher ein Studium aufnehmen als eine Ausbildung beginnen, obwohl die fünf Wiesbadener Berufsschulen mit einer enormen Bandbreite an Schulformen und Ausbildungsberufen, unter anderem in Naturwissenschaften oder Medientechnologie, sehr gut aufgestellt sind. Nach meiner Auffassung ist die Politik gefordert, die Attraktivität und Perspektiven einer Ausbil­dung der Öffentlichkeit darzustellen, insbesondere auch in den sozialen Berufen wie Erzie­hung und Pflege.

Schmehl: Ich sehe weniger die Konkurrenz zwischen Studium und Ausbildung, sondern in der Kombination eine sinnvolle Ergänzung. Jemand, der nach der Ausbildung ein berufsbeglei­tendes Studium absolviert, kommt die Berufserfahrung zugute. Nicht zuletzt werden Ver­sorgungslücken bei der Rentenversicherung vermieden, die ein Vollzeitstudium entstehen lässt. Hier kommen schnell sechs bis sieben Jahre zusammen.

SDS: Deutsche Schülerinnen und Schüler schneiden in Bezug auf Ihre Informatikkompetenz nur mittelmäßig ab. Das BMBF schreibt daher in seinem Strategiepapier zur Digitalen Bil­dung: „Wir wollen die Po­tenziale digitaler Bildung in allen Bildungsbereichen optimal aus­schöpfen, indem wir die Vermittlung digitaler Kompetenz fördern (…) und die entsprechen­den Infrastrukturen etab­lieren.“ Ist nach Ihrer Meinung der Digitalisierung des Unterrichts ebenfalls die größte Priorität einzu­räumen, um insbesondere in einer wirtschaftsstarken Re­gion, wie dem Rhein-Main-Gebiet, den Erfordernissen und Erwartungen an die öffentlichen Bildungsträger zu entsprechen?

Eck: Die Digitalisierung wird sicherlich die allermeisten Ausbildungsberufe verändern. Neben der größtenteils vorhandenen Kompetenz der Lehrkräfte ist es aber enorm wichtig, nach Einführung des digitalen Unterrichts einen verlässlichen Support vorzuhalten, der die Funkti­onsfähigkeit dieser Infrastruktur gewährleistet.

SDS: Die fünf Wiesbadener Berufsschulen halten ein breites Bildungsangebot vor mit der kaufmännischen und gewerblichen Berufsschule, der höheren Berufsfachschule, der Fach­oberschule, der Fachschule für Wirtschaft bis hin zu Fremdsprachenunterricht und InteA-Klassen. Sehen Sie alle Schulzweige gleichermaßen von der Digitalisierung, fachlich wie finan­ziell, berührt und welche konkre­ten Ziele sollen nach Ihrer Meinung damit für die berufliche Ertüchtigung erreicht werden?

Schmehl: Die angebotenen Berufe sind unterschiedlich stark von Digitalisierung betroffen. So sind tendenziell zum Beispiel kaufmännische Berufe stärker betroffen als beispielsweise die Pflege. Insofern muss auch eine unterschiedlich intensive Heranführung an das Thema Digi­talisierung erfolgen und sich eine bedarfsorientierte Mittelzuweisung ableiten lassen.

Eck: Die Relevanz der Digitalisierung im Beruf ist zu trennen von den Anforderungen in der Berufsausbildung. Angesichts der ‚Digital Natives‘ muss Schule in jedem Fall digitaler werden. Beispielsweise ist die Verfügbarkeit von WLAN unabhängig von der Schulform oder dem Aus­bildungsberuf zu sehen und spielt eine große Rolle.

SDS: Nehmen wir an, in einem bestimmten Ausbildungsberuf spielt Digitalisierung eine große Rolle. Glauben Sie, dass moderner Unterricht zwangsläufig digital sein muss und daher die sozialen und pädagogischen Kompetenzen stärker in den Hintergrund treten?

Schmehl: Schule lebt davon, dass die Schülerinnen und Schüler glaubwürdig erkennen, im Unterricht etwas zu lernen. Das wird nicht dadurch erreicht, dass sie nur Präsentationen oder Filme sehen. Natürlich muss die digitale Ausstattung den technischen Anforderungen genü­gen und darf nicht veraltet sein. Gleichwohl benötigen die Lehrkräfte Medienkompetenz, um die Glaubwürdigkeit von Schule als digitalen Lernort zu erhalten.

Eck: Natürlich darf die Pädagogik oder soziales Lernen nicht in den Hintergrund von digitalen Unterrichtsformen und –methoden treten; sie bleiben nach wie vor wichtig.

SDS: Wie ändert sich nach Ihrer Meinung die Rolle der Pädagogen durch die Digitalisierung?

Eck: Hätte man einen gut aufgestellten digitalen Support, dann ändert sich nach meiner Mei­nung an der Rolle der Pädagogen nicht allzu viel. Während meines Studiums für das Lehramt war die Medienpädagogik bereits elementarer und wichtiger Bestandteil der Ausbildung. Ich persönlich würde mir jedoch wünschen, die Pädagogik und Didaktik wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken, insbesondere wegen der großen Zahl der Quereinsteiger.

SDS: Wir kommen natürlich auch zum Aspekt der Finanzierung – für Schulen leider ein unbe­friedigendes Dauerthema. Mit dem DigitalPakt#D liegt seit Herbst 2016 ein Vorschlag des BMBF auf dem Tisch, alle rund 40.000 Schulen in Deutschland bis 2021 mit Breitband und der nötigen Hard- und Software auszustatten. Hierfür sollen in den kommenden fünf Jahren 5 Mrd. Euro vom Bund zur Verfügung gestellt werden – also 25 Tsd. Euro pro Schule und Jahr. Laut einer Studie der Bertelsmannstiftung werden jedoch rund 14 Mrd. Euro bzw. 75 Tsd. Euro pro Schule und Jahr benötigt. Welche Maßnahmen und Schwerpunkte müssten gesetzt werden, um eine adäquate Finanzierung zu sichern oder existieren Wege, mit den ausgelob­ten Budgets auszukommen?

Schmehl: Ich befürchte, dass von den 5 Mrd. Euro zunächst sehr viel in die Infrastruktur flie­ßen wird und die Endanwender davon erst einmal nicht so sehr viel sehen. Im Schulausschuss der Stadt haben wir den Magistrat gebeten zu recherchieren, wie viel von den Bundesmitteln jährlich in Wiesbadener Schulen ankommen könnten. Gemeinsam mit den städtischen Mitteln könnten sich die Budgets  für IT nach grober Schätzung verdoppeln. Natürlich ist der Ruf nach höheren Budgets gerechtfertigt, aber es ist auch der einfachste Weg. Das Geld muss schließlich auch aktiv umgesetzt werden – ein Budget allein installiert noch kein Netzwerksystem.

Eck: Ich stimme zu, dass die Infrastrukturinvestitionen zunächst an vorderster Stelle stehen. Allerdings werden sie, je nach Ausstattungsstand der Schulen sehr unterschiedlich ausfallen und sich bemerkbar machen. Jedoch ist damit das grundsätzliche Problem der Wartung und des Supports noch nicht geregelt.

SDS: Als Pilotschule für WLAN muss die SDS Investitionen in Höhe von 50 Tsd. Euro pro Jahr tätigen bei einem Gesamtbudget von 70 Tsd. Euro pro Jahr. Hinzu kommen laufende Auf­wendungen für Lehrerfortbildung und Systembetreuung. Was muss die Politik tun, um einer chronisch unterfinanzierten Schule Handlungsspielräume zu verschaffen, die die Erfüllung ihres Lehr- und Bildungsauftrags ermöglichen?

Eck: Zuerst favorisiere ich die Selbstständigkeit der Schulen, die Eigenverwaltung und Mittel­verwendung betreffend. Dazu gehören höhere Gelder, um die langfristige Personal- und Sachmittelplanung abzusichern. Hier muss das Land beispringen, weil die Kommunen, vielfach bereits mit Sanierungsfällen belastet, dazu nicht in der Lage sind. Im Endeffekt kommen wir nicht um die Diskussion herum, ob wir mehr Geld in die Bildung stecken müssen.

Schmehl: Ja, das wäre das große Rad. Es stellt sich die Frage nach der grundsätzlichen Ver­teilung von Vermögen und Ausgaben, die man dann herunter brechen kann auf die Länder, Kommunen bis hin zu den einzelnen Schulen. Warum sollte man nicht aus dem gesetzten Hamsterkäfig ausbrechen und stattdessen fragen: Warum diskutieren wir nicht den Rahmen, den wir zur Verfügung haben. Haushaltstechnisch werden Bildungsetats als Ausgaben be­trachtet. Richtig wäre, sie als Investitionen zu klassifizieren, denen volkswirtschaftliche Ren­diten und langfristige Wohlfahrtsgewinne gegenüberstehen.

2.      Sauberkeit Berufsschulen

SDS: Ein prominentes Dauerthema ist auch an unseren Schulen das Problem „Sauberkeit und Hygiene“, insbesondere den Zustand der Sanitäranlagen betreffend. Ursächlich gehen diese Mängel auf zu geringe Reinigungsrhythmen und zu niedrige Servicelevel-Agreements mit den Reinigungsdienstleistern zurück. Welche zusätzlichen Budgets müssten in Wiesbaden bereit­gestellt werden, um akzeptable Bedingungen in diesem Bereich herzustellen?

Schmehl: Wir haben die Schulbaumittel in dem jetzt laufenden Haushalt im Gegensatz zum Vorjahr verdoppelt. Wir wissen, es ist immer noch nicht ausreichend. Gleichzeitig besteht das Problem, schaffen wir es innerhalb von zwei Jahren, das zur Verfügung stehende Geld über­haupt auszugeben. Ein zur Verfügung stehender Etat alleine wird ja nicht zu Beton, sondern zur Planung und da haben wir Engpässe bei der Umsetzung. Da ist die Stadt jetzt dran. Wir haben die Schulplanerstelle im Schulamt gestärkt und wir beauftragen das Hochbauamt im Planungs- und Steuerungsbereich. Dieses wird ein Toilettensanierungsprogramm aufstellen.

Nach meiner Kenntnis werden dabei auch WC Anlagen im BSZ betrachtet und die Möglichkeit der Sanierung geprüft. Das Thema „Toilette“ ist ein immer wiederkehrendes Thema. Einerseits habe ich die bauliche Situation, die oft völlig unzureichend ist und gleichzeitig habe ich das Sozialverhalten. Das ist jetzt kein Pauschalvorwurf an das Sozialverhalten von Schülern, aber beide Elemente bedingen sich gegenseitig. Wenn ich einen schlechten baulichen Zustand habe, gehe ich auch anders damit um. Insofern muss unbedingt an dem heutigen Zustand gearbeitet werden.

3.      Mangel Klassenraumkapazität

SDS: In Hessen gibt es zurzeit 93 Tsd. Berufsschüler, bundesweit 1,3 Mio. Für sie wird deutlich weniger Geld bereitgestellt, als für Schülerinnen und Schüler der allgemeinbildenden Schulen. Pro Kopf stehen nur 3700 Euro einem Betrag von 7000 Euro an den allgemeinbil­denden Schulen gegenüber. Dies macht sich unter anderem bei den Wiesbadener Berufsschulen in unzureichenden Raumkapazitäten und mangelnder baulicher Ausstattung bemerkbar. Welche kurz- und mittelfristigen Maßnahmen sehen Sie, um bauliche Engpässe und Instandhaltungsrückstaus deutlich zu entspannen?

Schmehl: Wir haben mit den letzten Haushaltsberatungen Mittel für bauliche Maßnahmen zur Verfügung gestellt und das Hochbauamt sowie die Wibau GmbH mit der Umsetzung beauftragt. Das BSZ profitiert hier beim Thema Klassentrakt, 15-18-Klassen, und dem anstehenden Neubau der Friedrich-Ebert-Schule. Bis zur Umsetzung wird aber noch Zeit vergehen. Aber es hängt nicht daran, dass keine Mittel zur Verfügung stehen. Der Bedarf ist auf der Schulbauliste abgebildet. Die städtische Wibau GmbH ist Bauherr und Eigentümer; sie übernimmt die Finanzierung und die Stadt mietet die Flächen zurück.

SDS: Die Raumthematik wird verschärft, da wir in den letzten beiden Jahren 30 zusätzliche InteA-Klassen an den Wiesbadener Berufsschulen unterrichtet haben und diese weiter, insbesondere wegen der Sprachförderung, betreuen müssen. Das heißt, wir brauchen zusätzlich Personal, Räume, Sachressourcen. Der Bildungsmonitor 2017 zeigt konkret auf, dass allein für Bildungsintegration bundesweit zusätzlich 3,5 Mrd. Euro aufzuwenden sind. Ist unter diesem Aspekt aus Ihrer Sicht der rund 4 Mrd. Euro umfassende Etat des Hessischen Kultusministeriums überhaupt ausreichend?

Eck: Erst einmal ist ein großes Lob an die Schulen auszusprechen. Denn ab 2015 war promp­tes Reagieren der Schulen erforderlich. Die Stundentafeln mussten ausgeweitet werden, dass Kollegium musste mitziehen. Die Frage der Integration und Inklusion wird uns noch lange be­schäftigen. Wenn dem erhöhten Integrationsaufwand finanziell nicht Rechnung getragen und von Schulen verlangt wird, die Finanzierung aus den im heutigen Gespräch von den Schullei­tern/-in zitierten Mitteln in Höhe von 105% der Zuweisungen zu stemmen, die aber in der Realität gar nicht existieren, dann wird es schwierig.

Schmehl:. Was ich ärgerlich finde ist, wenn das Land sich auf den Weg macht und zusätzliche Mittel bereitstellt und diese Mittel dann am Bedarf vorbei mit „der Gießkanne“ über das Land verteilt werden. Wie zum Beispiel bei der Zuteilung der Schulsozialarbeiterstellen durch das Land, wo eine Stelle auf vier Berufsschulen verteilt wurde. Gleichzeitig bekommen Schulen in Wiesbaden mit nicht so großen Herausforderungen in ihrer Schülerschaft deutlich mehr Stellen. Und da frage ich mich schon, wo ist die Steuerung. Ein erhöhter Bedarf muss erhöhte Mittelzuweisungen in Stellen oder in Geld zur Folge haben. Denn eigentlich ist ja Geld da.

4.      Veränderung Schulverwaltung

SDS: Das Planungssystem Personal und Budget (PPB) belastet Schulleiter/-in und deren Stell­vertreter/-in in hohem Maße. Im Rahmen der Anhebung bereits gängiger Verfahren auf die SAP-Plattform wird bereits der erste Teil der Anwendung, die Personalplanung, produktiv genutzt. Die weiteren PPB-Anwendungen, wie Lehrerstellenzuweisung, Budgetberechnung sowie die Bewirtschaftung der Schulbudgets sollen nun auch zeitnah produktiv gesetzt wer­den. Arbeiten, die früher Sekretärinnen vorgenommen haben, führen bei den Schulleitungen heute zu erheblichem Mehraufwand. Sehen Sie ein Konzept, mit dem diese Zusatzbelastung abgemildert werden kann?

Eck: Herr Schmehl und ich haben das Angebot, viele Schulen zu besuchen und uns ein Bild von den Sorgen und Nöten in den Wiesbadener Schulen zu machen. Die Schulleitungen unterschiedlichster Schulformen beklagen durchweg den ohnehin enorm gestiegenen Verwal­tungsaufwand, während die klassische Schulleitungstätigkeit und das pädagogische Arbeiten immer mehr in den Hintergrund geraten. Den Tag mit dem aufwändigen Bedienen komplexer Systeme zu beginnen, war sicher nicht ihr Fokus. Diese Aufgaben auf die Schulsekretärinnen zurück zu verlagern, kann auch nicht das Mittel der Wahl sein. Aus meiner Perspektive ist da­her zu überlegen, den Schulen Verwaltungskräfte an die Seite zu stellen, damit die originären Aufgaben, nämlich Leitung, Planung, Personalführung, Pädagogik und Didaktik wieder in den Mittelpunkt der Arbeit rücken.

Schmehl: Aus meiner Sicht besteht das Thema aus zwei Ebenen. Zum einen ist es die Frage, wer führt Eingaben am PPB durch. Ist es sinnvoll, A15/A16-Stelleninhaber mit der Rech­nungserfassung zu betrauen? An weiterführenden Schulen gibt es, im Gegensatz zu Grund­schulen, ja noch eine weitere Führungsebene, die für Entlastung sorgen kann. Natürlich geht das nur zu Lasten der Unterrichtsstunden. Zum anderen ist die Frage, was ist zu machen. Wie viel Controlling bringt die Kultusverwaltung in die Schulen, sind die Eingaben für die letzte Statistik wirklich relevant? Zu hinterfragen ist auch, welche Prozesse vereinfacht werden können. Hier kommen viele Anregungen aus den Schulen, die an der Thematik am nächsten dran sind. Wir hören, dass es oftmals Widerstände in der Kultusverwaltung gibt, die nicht aufgelöst werden können.

SDS: Wäre es denkbar, dass das Land Hessen mit den Schulträgern eine Vereinbarung trifft, die den Einsatz zusätzlicher Verwaltungsmitarbeiter regelt?

Schmehl: Das wäre denkbar, wenn das Land den Kommunen einen angemessenen Finanzaus­gleich zugesteht. Die würden das Land sogar entlasten, weil Lehrerkapazitäten freigestellt würden, die wieder dem Schuldienst zugeführt werden können. Das ist sicher mit die Aufgabe der Kommunen und Städte, die aber eine Kompensation des Landes wegen potenzieller Veränderung ihrer wirtschaftlichen Lage verlangen müssten.

5.      Ausbildungsberuf Kaufmann/-frau im E-Commerce

SDS: Abschließend zurück zum Thema „Digitalisierung“. Der Ausbildungsberuf Kaufmann/-frau im E-Commerce löst langfristig den Kaufmann/-frau im Groß- und Einzelhandel ab. Die landesweit einzige Modellschule hierfür ist die Obersbergschule in Bad Hersfeld. Die gemein­same Bewerbung von SDS und FLS war von vornherein chancenlos. Was muss im Fall einer hohen Nachfrage Ihrer Ansicht nach passieren, damit Wiesbaden als nächster Standort für diesen Ausbildungsberuf nominiert wird?

Eck: Ich möchte den Blick über Wiesbaden hinaus auf das gesamte Rhein-Main-Gebiet lenken mit seinem Wirtschafts- und auch Bevölkerungswachstum sowie umfangreichen kulturellen Angeboten. Natürlich führt das, zusammen mit dem Anpassungsdruck bei den Berufsbildern, etwa im Bereich Bankkaufmann/-frau hin zu noch stärkerer Digitalisierung, zu einer Verände­rung des Bildungsangebots in einer wirtschaftsstarken Region mit attraktiven Arbeitgebern. Dem können sich die öffentlichen Bildungsangebote nicht verschließen.

Schmehl: Ich verstehe ihre Enttäuschung. Vielleicht war Bad Hersfeld ja ein Versuchslabor und die Entscheidung auch als Investition in eine eher strukturschwächere Region gedacht. Meines Erachtens jedoch wird sich die Entwicklung in den E-Commerce-Bereichen nicht aufhalten lassen und zu einer Teilhabe an digitalen Ausbildungsberufen der Berufsschulen in Wiesbaden und des gesamten Rhein-Main-Gebiets führen.

Frau Dr. Eck, Herr Schmehl, ich danke Ihnen für das Gespräch.

(Petra Hilbert)

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