„Willkommen in Deutschland“…

InteA- und HH-Klassen nehmen am Integrationsprojekt „Lernort Kino II“ teil

…sagt Ahmad, ein syrischer Asylheimbewohner dem deutschen Ehepaar, das sich in einem Gasthof wähnend, nach dem Essen bezahlen möchte und nach und nach realisiert, dass es sich in einem Flüchtlingsheim befindet. Die Bewirtung, die beide genossen haben, hatte nichts mit Gastgewerbe zu tun, sondern war der Gastfreundschaft der Heimbewohner geschuldet. So die Handlung des ersten Kurzfilms „Die Herberge“ von Ysabel Fantou, den rund 70 Schülerinnen und Schüler aus den Klassen InteA 4, 11HH1 und 11HH2 der SDS am 26.02.2018 im Murnau-Filmtheater gesehen haben.

Ein einheimisches Ehepaar wird in Deutschland von einem Flüchtling willkommen geheißen: Ver­drehte Welt? Migranten bewirten aus reiner Freundlichkeit fremde Deutsche: Naiver Handlungsfa­den? Nöö. Nichts von alledem.

Der 9-Minuten Film, übrigens auf einer wahren Begebenheit beruhend, zeigt eindrücklich, wie unter­schiedliche sprachliche, kulturelle und soziale Identitäten einander begegnen und individuelle Erfah­rungen, vielleicht auch pauschale Urteile, die Kommunikation prägen: Die Frage nach der Speisekarte wird vom Asylbewerber missverstanden als Aufforderung, den Ausweisersatz (Aufenthaltstitel) vor­zulegen. Umgekehrt äußern sich bei dem Ehepaar angesichts der bärtigen Männer, zwar freundlich, aber untereinander arabisch kommunizierend, Ängste: „Keiner weiß, dass wir hier sind“. Schnell ein Quickcheck: „Hast Du das Portemonnaie noch in der Jacke?“ Regisseurin Fantou fasste das an dem Nachmittag zusammen mit den Worten: „Jede Kultur hat ihre eigenen Vorurteile“.

Der Film „Die Herberge“ passt perfekt in das Projekt „Lernort Kino“, dessen Ziel es ist, mit jugendaffi­nen Themen über die Multimedialität von Film und Diskussion „Gedankenräume“ zu erschließen, die die Entwicklung der eigenen Identität befördern. „Entwicklung der Identität bezieht sich auf alle teilnehmenden Jugendlichen. Die Filme sind ein Angebot, sich auf die Reflexion der eigenen Wert­maßstäbe einzulassen“, fasste Rita Thies vom Kulturmanagement die Stoßrichtung des Projekts zu­sammen.

 

Entwicklung der eigenen Identität heißt nicht, die eigene Erfahrung und Sozialisation am Grenz­übergang abzulegen und eine völlig andere, ersatzlos zu adaptieren. Vielmehr steht im Projektvordergrund, die eigene Identität zu reflektieren und sie mit neuen sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Prozessen zu verbinden und zu dynamisieren.

Das gilt auch vice versa: Der Erfahrung „Gastfreundschaft“ sollte nicht mit Skeptizismus begegnet sondern als Zugewinn für die eigene Identität betrachtet werden. Im Film geht das so: Das einheimi­sche Ehepaar legt seine Ressentiments ab und betreibt später gemeinsam mit dem Iraner Sinan das Restaurant „Spätzle-Express Teheran“.

Das Projekt „Lernort Kino II“ schließt mit vier Vorführtagen an das im vorangegangenen Schuljahr gestartete Modellprojekt an. Projektträger ist die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft). Projektverantwortliche sind: Rita Thies (Kulturdezernentin a.D., Kulturmanagement, FSK-Prüferin), Christiane von Wahlert(Geschäftsführerin der FSK), Birgit Goehlnich (Ständige Vertreterin der Obersten Landesjugendbehörden bei der FSK) und Sebastian Schnurr (Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung).

 

Mit aktuellen Themen, so Thies, „wie Familienbilder, Ablösung von der Familie, Selbstbestimmung, Geschlechterrollen, Rassismus, Internetidentitäten, digitale Gesellschaft und Überwachung, Effizienzgesellschaft und Freiheit unserer westlichen Lebenswelt sollen Zuwanderer visuell und sprachlich erreicht werden.“ Ein besonderer Aspekt liegt darin, dass die Identitätsentwicklung für alle Teilnehmer, Zuwanderer und Einheimische, gefördert und die Kommunikation zwischen ihnen angeregt werden soll. Es geht darum, „dass alle beim Gespräch über ein gemeinsames Drittes – den Film – ihre Werthaltungen einbringen können“, schloss Thies die Einordnung des Projekts in den pädagogischen Kontext ab. Und Simone Breitsch, Abteilungsleiterin der SDS für Interkulturelles Lernen, wertschätzt diesen Austausch mit den Worten: „Es ist toll, dass die Schülerinnen und Schüler der HH- und InteA-Klassen hier die Möglichkeit haben, in Kontakt zu treten, denn in der SDS vermischen sich die Schüler untereinander nicht so leicht.“

Der zweite Film „Verstehen Sie die Béliers?“, eine französische Feelgood-Komödie von 2015, the­matisiert den Ablösungsprozess eines Kindes von seiner Familie abseits kultureller oder religiöser Aspekte. Die 16-jährige Paula organisiert das Leben und die Geschäfte ihrer taubstummen Eltern und ihres Bruders, die Landwirtschaft in der Provinz betreiben. Als ein Lehrer ihr musikalisches Talent erkennt und sie zum Vorsingen an einer Musikschule in Paris überredet, beginnt der Trennungsprozess. In einem emotional vorgetragenen Gesangsstück, dem die Familie nur dank der Gebärdensprache der Tochter folgen kann, überzeugt sie Vater, Mutter und Bruder mit den Worten ‚Ich gehe nicht, ich fliege‘. Empathie und Loslassschmerz werden als komplexes Thema einem breiten Publikum unaufdringlich und einfach nahe gebracht.

Das zeigte auch die anschließende Diskussion mit den SuS, die sich mit den Charakteren und der Problematik des Abschiedsprozesses vielfältig auseinandersetzten. Shaib Haydari, Schüler der Klasse InteA 4, schlussfolgerte: „ Der Film gleicht auch ein Stück weit unserer Situation. Unsere Eltern wollten auch nicht, dass wir gehen. Wir wollten, wie Paula, auch ‚fliegen‘!“

Das Projekt „Lernort Kino II“ ist, wie sein Vorgänger, eine brillante Alternative und Ergänzung von pädagogischen Ansätzen, Integration und Identitätsfindung in allen Gruppen zu fördern. Wenn dann jeder dem anderen sagen kann: „Willkommen in Deutschland“, dann ist das ein riesengroßer Erfolg.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Initiatoren, allen voran Rita Thies und Birgit Goehlnich, aber auch bei den Kollegen Johannes Fey und Simon Vogel, die diese Filmnachmittage in ihren Klassen vor- und nachbereiten.

(Petra Hilbert)

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